Dienstag, 21. November 2017 

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Ulrich Gansert
"Überkörper"
Zur Malerei von Michael Hedwig


Das Thema der Malerei von Michael Hedwig ist der Mensch, mit großer
Konsequenz und Kontinuität entwickelt der Künstler seine persönliche
Vorstellung, die für den Betrachter eine Vision der Humanität entwirft.

Es ist nicht der einzelne Mensch, der die Figurationen in den Bildern von Michael Hedwig bestimmt, sondern das Miteinander, die Gemeinsamkeit, das festliche oder Auch nur gesellige Beieinandersein des Menschen mit seinen Mitmenschen. Damit verzichtet der Maler auf die Anknüpfung an die Tradition der Subjektivität und Isolierung, die so oft in der jüngeren Vergangenheit und in der Gegenwart das Bild des Menschen in der Kunst bestimmt hat. Die spezifische Modernität dieser Bilder liegt auch und nicht zuletzt in der Vermeidung jener allzubekannten Mechanismen der Überwältigung und Vereinnahmung des Betrachters durch den Appell an die seelische Identifikation oder die Entfaltung von Vorstellungen des Schreckens.

Gespräch, Fest und Tanz sind die Ausgangspunkte der Konfigurationen, die Vorstellung der friedlichen Gemeinsamkeit, der Vorurteilslosen Offenheít, bildet den Hintergrund. Damit gewinnt die Arbeit von Michael Hedwig eine Dimension, die zugleich von größter Gegenwartsbezogenheit und der Rückbeziehung auf zentrale Funktionen und Möglichkeiten der Malerei bestimmt ist.

Sehr lange Zeit war es die wichtigste Bestimmung der Malerei, eine Vision der menschlichen Gemeinschaft zu entwerfen, der unter den gesellschaftlichen Verhältnissen der Vergangenheit im größten Ausmaß Verbindlichkeit zukam. Heute gilt es als sicher, daß die Kunst ein gültiges Gesamtbild des Lebens nicht mehr entwickeln kann. Es ist gesagt worden, daß die Malerei im Zwanzigsten Jahrhundert nur noch sich selbst zum Thema haben könne und eben dadurch die Autonomie der menschlichen Kreativität und des menschlichen Geistes zum Ausdruck bringt. Es war der französische Philosoph der Postmoderne Francois Lyotard, der dies in seinen Essays konstatierte. Die Arbeit Michael Hedwigs gilt zweifellos einer Form der Malerei, die in diesem Sinne ihre volle Autonomie behauptet, und dennoch in ihrer umfassenden Konzeption das Bild des Menschen in das Zentrum ihrer Emblematik stellt. Es ist die Integration und Identität sowohl der ästhetischen als auch der inhaltlichen Ebene der Bilder, welche die Arbeit des Malers kennzeichnet und das Abbild der menschlichen Gemeinschaft wird zur bestimmenden Dominante seiner Thematik. Michael Hedwig ist Maler und Zeichner und dementsprechend sind Linie und Farbe seine wesentlichen Ausdrucksmittel. Rosa, Ziegelrot, Elfenbein, ein helles Violett dominieren die Farbigkeit, ein leuchtendes Grün tritt oft als Kontrapunkt dazu. Als flächige Setzungen formulieren sie den Gesamteindruck der Bilder, wechseln in transparenter oder opaker Konsistenz und bestimmen die Komposition. Komplettierend dazu stehen die Nichtfarben Schwarz und Weiß im Kontext. Mit großer Bewußtheit und Instinktsicherheit sind so die flüssigen und trockenen, die linearen und semantischen Akzente gesetzt und treten zueinander in Spannung. Transparente Flächen schaffen den Farbraum mit seiner Dichte und Tiefe, und Pinselzüge mit pastoser Farbe bringen die Präsenz des Gestischen zur Geltung. Malerische Strategien und Kontraste entfalten sowohl den konzeptionellen als auch den sinnlichen Aspekt der Malerei, den Aufbau von Spannung und Raum und summieren sich mit der Aura der Leinwand, ihrer Struktur und Rauhigkeit zum Gesamteindruck.

In den Kontext der Farben eingefügt sind jene Linien, die mit zeichnerischer Sicherheit die Figuren formen. Zart und wie absichtslos über das Profil des Farbreliefs gezogen, umreißen sie die Konturen und lassen die oft in das Innere der Bilder gewendeten Köpfe und das Spiel der Hände mit ihren Gesten sichtbar werden. Aus dem Zusammenhang dieser Linien entwickeln sich auch jene schwarzen Farbblöcke, die zusammen mit dem weiß die Leuchtkraft der anderen Farben steigern. Malerei ist hier sowohl als geistige als auch als handwerkliche Arbeit verstanden, umgreift das Reflexionsniveau der Gegenwartskunst in ihren expressiven und abstrakten Bezügen ebenso wie die Beziehung zur historischen Malerei. Jeder Illusionismus im Sinne der Malerei der letzten Jahrhunderte ist vermieden, allein die Farben und ihre Überschneidungen entwickeln den Bildraum. Dieser erstreckt sich nicht, wie im traditionellen Bild, in die Tiefe, sondern die Malerei kommt auf den Betrachter zu. Dennoch ist in den leuchtend warmen Farben die Erinnerung an das eigentümliche Ziegelrot der pompejanischen Wandmalerei oder der abstrakten Ordnung der italienischen Fresken des Quatrocento präsent. In anderen Bildern werden die Figuren in horizontal übereinanderliegenden Zonen geordnet, der Begriff Register, wie er in der Orgelmusik, aber auch in der ägyptischen Wandmalerei verwendet wird, liegt nahe.

Zu diesen Bildern entstehen zahlreiche Zeichnungen und Aquarelle, in denen die Ordnung der Figuren erprobt und variiert werden. Die Spontaneität der Arbeitsweise wird hier besonders deutlich. Es wird sichtbar, wie sich Staffelungen und Rhythmen entwickeln und die Regelmäßigkeit figuraler Reihungen in den Aktivitäten von Gespräch oder Tanz in Bewegung versetzt wird. An die Stelle der Leinwand tritt das Papier, auf dem die Transparenz der Aquarellfarbe leuchtet oder auf das zusätzlich zur Zeichnung im Sinne der Collage transparente Papiere aufgeklebt sind. Zu diesem Typ der Arbeit auf Papier zählt auch die Graphik als ein weiteres Arbeitsgebiet des Malers.

Besonders deutlich wird die Haltung Michael Hedwigs in Bildern, wo Menschen im Tanz oder unter Zelten in freundschaftlicher Geselligkeit vereint sind. Zelte als Orte der Heiterkeit oder der Sammlung sind Zeichen der profanen und religiösen Semantik und markieren Kontinuität und Höhepunkte der Geschichte. Der Tanz wird Thema der Malerei als höchste Steigerung menschlicher Kultur und menschlichen Kontaktes, als Kommunikation von Körpern mit Körpern und als Identität von Kultur und Erotik. Übergreifende Form der Kultivierung dieses Miteinanders in allen Gesellschaften sind die Feste. Sie sind die Dominanten des Jahrezeitenzyklus aller Religionen und symbolischer Ausdruck und Vergegenwärtigung der Ideen, welche die Menschen auf ihrem Weg durch die Geschichte geleitet haben. Die Feste und die Kunst sind Erscheinungsweisen der Versinnlichung der menschlichen Kultur und ihre Beziehung bildet den Hintergrund der Arbeit Michael Hedwigs.

Heute steht die Malerei in einer Situation, wo ihre ganz persönlichen und individuellen Vorgangsweisen in Kontrast zur immer weiter fortschreitenden Arbeitsteilung der modernen Produktion geraten. Wo andererseits der Wert von Stellungnahmen, die persönlich gestaltete sinnlich rezipierbare Werte schaffen, immer mehr in Frage gestellt wird. Dabei sind gerade solche persönlichen Stellungnahmen als Gegensatz zu jener fortschreitenden Arbeitsteilung immer bedeutsamer. Auch die Dominanz von abstrakten, theoretischen Denkweisen, die eigentlich von Machtstrategien bestimmt sind, ist eine der Gefahren unserer Zeit. Im Gegensatz dazu wird die Sinnlichkeit in größtem Ausmaß für eine berechnende Kommerzialisierung der Gesellschaft genutzt. Schon Nietzsche warnte vor der Gefahr einer immer weiter zunehmenden Dominanz rein abstrakter und rationalistischer Denkweisen und insistierte auf die grundlegende Bedeutung des Körpers und seiner Empfindungen.

Diese verleugneten oder mißbrauchten Körper sind das Thema der Bilder von Michael Hedwig. Immer ist die menschliche Figur der Bezugsrahmen seiner farbigen Expressivität. Er ist ein Figurenzeichner, der in seinen Bildern sein persönliches Bild, seine Vision der unpathetischen Leichtigkeit von Begegnungen wie in festlichen Zelten oder wie beim gemeinsamen Gespräch oder Gebet in der Synagoge sichtbar werden läßt. Damit transportiert er die alte mittelmeerische und europäische Ambition der Wandmalerei in seine persönliche Arbeit und entfaltet damit eine Vision von gegenwärtiger Malerei. Eine Vision, welche die Tiefenschicht und die Gemeinsamkeiten von Kultur und Religion umfaßt und die Malerei als einen Weg zu ihrer Versinnlichung versteht.

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