Montag, 25. September 2017 

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Philipp Maurer
Michael Hedwig - Bewegung der Seelen


Fast drei Jahre lang beschäftigte sich Michael Hedwig - in unterschiedlicher Intensität - mit dem Gemälde "Bewegungen der Seele". Die Wiener Linien, ein kunstsinniges Unternehmen, das für seine vorbildlichen künstlerischen Stationsgestaltungen im Jahr 2003 mit dem "Kunstmediator" der IG Galerien für zeitgenössische Kunst ausgezeichnet worden war, hatten Michael Hedwigs Lösungsvorschlag für eine "Problemzone" gerne akzeptiert und ihn mit der Realisierung beauftragt. Im Oktober 2005 fand der lange Produktionsprozeß seinen feierlichen Abschluß: nun ist das vielteilige Gemälde "Bewegungen der Seele" von Michael Hedwig in der U3-Station Stubentor zu betrachten.

Die künstlerische Idee ergab sich fast von selbst, indem das langjährige Konzept Michael Hedwigs - vor allem seine Etagenbilder und seine Menschengruppen - in die räumlichen Gegebenheiten der Station integriert wurde. Den ersten Skizzen folgten aquarellierte Entwürfe, die ausführlich und gründlich analysiert und mit dem Auftraggeber diskutiert wurden. Diese Phase war die für mich als Projektmanager spannendste, ging es doch darum, die Absichten und Vorstellungen des Auftraggebers Wiener Linien mit den Ideen des Künstlers so zu vereinen, daß sich beide mit dem Ergebnis inhaltlich und formal identifizieren können. Neben der ästhetischen Diskussion wurde die Montage geplant; auch hier lieferte Michael Hedwig erste Ideen, in denen sich seine Gestaltungsabsicht widerspiegelte. Denn Hedwigs künstlerische Idee umfaßte auch die Art der Präsentation und Montage des Bildes. Die zuständige Fachabteilung der Wiener Linien überarbeitete den technischen Vorschlag Hedwigs, fand Lösungen und montierte die Bilder so, daß alle ästhetischen und technischen Anforderungen erfüllt sind und die notwendige Sicherheit für die Benutzer der U-Bahn-Station gegeben ist. Der Malvorgang selbst dauerte etwas mehr als ein Jahr. Michael Hedwig übersetzte seine aquarellierten Kartons mit Hilfe der schon von den barocken Freskanten verwendeten Rastertechnik auf die großen Aluminiumplatten, ein Vorgang, der hohes handwerkliches Können und künstlerische Präzision verlangt. Aufregend - für uns Zuschauer! - waren die fünf Nächte, in denen das Gemälde in der Station montiert wurde: Jubel, als die erste Platte hing, Begeisterung, als alles fertig war, und große Erleichterung und Freude, als wir sahen, daß die künstlerische Idee stimmt und zum klaren Ausdruck kommt.

Michael Hedwig thematisiert in "Bewegungen der Seele" die geistigen Kräfte in uns und die Aura, die uns umgibt und auf die Aura anderer Menschen trifft. Nicht das naturalistisch wiedergegebene Nebeneinander von Menschen, nicht ihre rein materielle Anwesenheit ist Hedwigs Thema, sondern die gegenseitige geistige und psychische Beeinflussung der Menschen. Die körperlichen Begegnungen erregen die Seelen: Sympathie, Abneigung, Neugier, Bewegungen zueinander und voneinander weg. Michael Hedwigs Gemälde für die Wiener U-Bahn faßt die Situation, in der wir uns in dieser U-Bahn befinden, ins Bild: Gerade hier bewegen wir uns in einem sozial sehr sensiblen, heiklen Bereich, gerade hier, wo Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft und Interessenslagen so nahe zusammenkommen, wo Streß, Hektik, Hetzerei, Gedränge, Lärm, Geruch die Nerven und die Sinne strapazieren, enthält die jeweils individuelle Aura zusätzliche Strahlungskraft. Dieser Unruhe und dieser manchmal latent in der Luft liegenden Aggression setzt Michael Hedwig seine aus genau dieser Situation entwickelten farbintensiven, Ruhe und gelassene Energie ausstrahlende Menschenbilder entgegen.

Diese Bilder verleihen dem Abgang Stubentor eine heitere, freundliche und kommunikative Atmosphäre. Die Vorbeieilenden werden für einen Augen-Blick einbezogen, sind aufgefordert, in diese Welt der positiven Begegnungen einzutreten, sich anderen Menschen nahe zu fühlen. Diese Bilder bieten Gemeinschaft an, sie wollen die Seelen bewegen.

Es sind wienerische Bilder: ihre barocke Farbigkeit mit zarten Rot-, Gelb- und Pink-Tönen, die mit effektvoll gesetztem Blau kontrastieren, und ihr Expressionismus sind starken österreichischen Traditionen verpflichtet, ihre leicht chaotische Heiterkeit und ihre doppelbödige Gemütlichkeit widerspiegeln Michael Hedwigs Erfahrungen mit den Wienerinnen und Wienern. Insofern widerspiegeln Hedwigs Bilder die Bewegungen der Wiener Seelen.

Das Gemälde beeindruckt nicht allein durch Aussagekraft und Farbigkeit, sondern auch durch seine Größe. Es besteht aus drei voneinander getrennt montierten Teilen, die der räumlichen Situation der U-Bahn-Station angepaßt sind: Die PassantInnen fahren mit dem Lift ein fast 9 m hohes, aus acht Aluminiumplatten (je 220 x 110 cm, gesamt 880 x 220 cm) bestehendes Bild entlang, passieren dann am Weg zum Bahnsteig einen 10 m langen Fries (fünf Platten zu je 120 x 200 cm, gesamt 120 x 1000 cm) und sehen über dem Gleis der Gegenrichtung ein weiteres 5 m breites Bild (vier Platten von je 220 x 125, gesamt 220 x 500 cm).

Aus der Vereinigung von Raumsituation und künstlerischer Idee Michael Hedwigs ergab sich ein Gemälde, das sich harmonisch in den Raum einfügt, das der Architektur angepaßt ist und das die Ideen Hedwigs unverfälscht transportiert - ein rundum geglücktes Beispiel für künstlerische Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Die von Michael Hedwig in Zusammenarbeit mit dem Drucker Josef Mühlbacher nach den Gemälden hergestellten Farbradierungen von zwei Platten sind mehr als nur Reproduktionen eines erfolgreichen und beliebten Gemäldes, sie sind vielmehr Ausdruck des Wunsches des Künstlers, der "Bewegung der Seelen" in der Druckgraphik eine noch breitere Öffentlichkeit zu verleihen und die pathetische Aussagekraft des Monumentalgemäldes auch in der intimen Atmosphäre der Druckgraphik zu überprüfen.

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