Dienstag, 21. November 2017 

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Univ.-Prof. Dr. Gerhard Larcher

Rede zur Ausstellungseröffnung, Galerie am Grillhof, Vill/Tirol, 8.4.2002


Foto: Magnus Roth

"So spricht Gott, der Herr: Ich öffne eure Gräber und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern hervor. Ich bringe euch zurück in das Land Israel(37,12b)...ich hauche euch meinen Geist ein, dann werdet ihr lebendig und ich bringe euch wieder in euer Land"(37,14), "Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch"(36,26)

...Trostworte Ezechiels, - wie sie aktueller nicht sein könnten -
aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, aus der Erfahrung des babylonischen Exils in die Situation der Belagerung Jerusalem hinein projiziert - heute als österliches und pfingstliches Wort Leitmotiv für Bilder einer Ausstellung Michael Hedwigs; einer Ausstellung, die nach zahlreichen anderen dieses 1957 in Osttirol geborenen, an der Kunstuniversität in Wien lehrenden, Künstlers in Tirol, Wien, Paris, Istanbul während der letzten Jahre nun erstmals sehr klar focussiert ist auf eine Auftragsarbeit in kirchlichem Kontext (Pfarrer Magnus Roth von Igls/Vill sei Dank dafür!), nämlich auf das schon seit der Osternacht für die Zeit des Festkreises bis Pfingsten aufgerichtete Hochaltarbild in der Pfarrkirche von Vill, das unter eben jenem Leitwort des Propheten von der Auferweckung Israels oder der sogen. Totengebeinsvision (Ez 37) steht. (dessen große Version 2 hier zu sehen ist). Wie ein Magnet die Eisenspäne anzieht und ausrichtet, so sind auch die meisten anderen der hier gezeigten Bilder M. Hedwigs von dieser Thematik mitbestimmt oder auf sie hin lesbar.

Schon beim Hereinkommen in den Ausstellungsraum sind Sie bestimmt im Foyer in Beschlag genommen worden von dieser großformatigen Arbeit, als einem der beiden ausgeführten Altarbilder (221x132 cm; Acryl auf Holz), beeindruckt von seiner Dimensionierung, der spezifischen Farbigkeit und der formalen Gestaltung bzw. Komposition.
Deutlich erkennen wir zwei Bildebenen mit je einer Massierung von angedeuteten Körpern, durch deren Anordnung und die Farbper-spektive räumliche Tiefe insinuierend, unverkennbar bestimmt von einer horizontalen Bewegung der Gesten und einer gleicher Höhe der Häupter. Eine das Ganze in zwei Bildetagen gliedernde Trennlinie sowie eine farblich grüne Strukturierung in der oberen Bildhälfte ist unübersehbar; alles wird konterkariert von breiten, durchgehend vertikalen Pinselstrichen, in rosa und blau sowie der ruhigen Vertikale der Körper selbst, nach oben hin aufgestuft und angehoben durch den Rundbogen des Bildabschlusses; eine Bewegungsrichtung ergibt sich so von rechts unten aus der Grube durch die Sammlung der Körper auf beiden Nivaus - überwiegend ohne festen Grund, die übrigens auch in der Horizontalen ineinandergreifen und in der Vertikalen überlappen, in ein farbiges Lichtfeld in der Bildmitte oben.

Ähnliche Strukturen und Inhalte zeigt auch der Blick auf den Entwurf zum anderen, in der Kirche aufgestellten Altarbild, wo noch stärker eine Höhen-Gliederung in drei Bild-Etagen auffällt, mit pointierten farblichen Vertikalen, insgesamt aber eher ikonenhaft flächig angelegt...
Es sind dies Bilder, die den Geist von Ostern bzw. von Pfingsten - gleichnishaft visualisieren möchten unter Respektierung des Bilderverbotes, wie Ikonen der Verklärung scheinbar nur mit der Energie des Lichtes gemalt; geht es doch, trotz aller figürlichen Anhaltspunkte (Grube, Knochenskelett, Fleischwerdung, Herz), nicht um eine realistische Repräsentation der Rettungstat Gottes bzw. der Oster- und Pfingstereignisse. Die etagenweise gestufte Bewegung mit den verhaltenen Pathosgesten der Errettung nach oben erscheint vielmehr wie eine einzige Markierung von Andersheit und Transzendenz. Wie neu belebt, verklärt, fügen sich die Leiber ineinander zum Aufbruch aus der Zerstreuung des Exils oder aus dem Feld der Gefallenen (in der späteren Sicht der Makkabäer) oder aus dem individuellen Tod in der typologischen Sicht der Kirchenväter...
Es handelt sich also um eine bildliche Präsenz von Lebenskraft Gottes im Vorübergang ("Geist komm herbei von den vier Winden", Ez 37,9), unterstrichen durch die häufige Rückenansichten, das fast völlige Fehlen von Angesichten, die hieratische Haltung der Körper und deren Gesten, durch die Zurückhaltung der Farben, außer dem Blau als Symbolfarbe der Unendlichkeit und dem dominanten Rosa, das im Judentum die Symbolfarbe des Lebens, christlich der Inkarnation ist, und durch die weißen vertikalen Pinselstriche als Richtungslinien der Transzendenz.

Mit dem Ezechielwort im Ohr könnte man von diesem Bild sagen: Die Kraft des Geistes (die ruah Jahwe) als die Wiederherstellung des Volkes Israel bzw. die Leiblichkeit der Auferstehung in Verklärung überwindet durch die Symbolik des durchgängigen Schwebens (wie auf einem Barockbild) die Schwerkraft des Todes. Himmelschwer' könnte man so mit einem Grazer Ausstellungsprojekt das Gewicht' der sich ineinander schiebenden, verschränkenden Körpergruppen nennen;
(Prinz. Ähnlichkeiten im Bildprogramm findet man auch im Dom von Orvieto,in dem Auferstehungsfresko von Signorelli; oder in der Sixtina wo Michelangelos Jüngstes Gericht ein analoges Geschiebe von Leibern versammelt; vgl. auch die jüngsten Gerichte von Memling oder Rogier van der Weiden...)

Es ist das ganze Bildkonzept natürlich auch von dem für es bestimmten kirchlichen Kontext her zu verstehen im Dialog mit diesem: Das Schwebende der Rokoko-Kirche von Vill insgesamt, ihre pavillonartige Architektur, ihr Inneres mit dem Lichteinfall vom Strahlennimbus der Hl.Geisttaube her, die illusionistischen Fresken und die Theatralik der Figurengruppen auf den Altären ist als Kontext des Bildes dazu zusehen (der ganze Raum als solcher bringt dort ein Schweben zur Sprache). All dies steht in einer Entsprechung zur Transparenz und Schwerelosigkeit in der Komposition dieses Altarbildes.

Das Verhältnis von Schauen und Hören, von Bild und Wort, von prophetischer Vision und künstlerischem Pathos ist in diesen Werken gut zueinander gesetzt; das symbolträchtige Prophe-tenwort drängt sozusagen von selbst ins Bild; aber es sind dies Bilder, die nicht einfach das biblische Wort illustrieren - die Vision als dramatische Schau ist nur zeichenhaft angedeutet - sondern die trotz aller Figürlichkeit und Farbigkeit zugleich ihr eigener Ikonoklasmus sind: die Rettungstat Gottes selbst, der auferweckte Leib, ist nicht realistisch zu visualisieren versucht. Gleichwohl handelt es sich um keine gnostische Verleugnung des Fleisches, sondern um dessen Erneuerung bzw. Verklärung, die der Künstler ins Bild zu setzen sich müht. Es ist die Herrlichkeit, der Glanz Gottes, der auf den schemenhaften Leibern liegt und diese durch die Vertikalen in eine ruhige Bewegung des Transzendierens hineinnimmt, Zuwendung zum Nächsten und Rettung durch Gott verbindend.

Dabei ist Hedwigs Weise, das biblische Thema anzugehen, nicht von einem spezifisch religiösen Stil bestimmt. Vielmehr ist es die konsequente innere Form seines Arbeitens seit Jahren (oder muß man schon sagen: seit Jahrzehnten, wenn man an die Ausstellungen homo maximus, Körper, Nijinskij, Transform, Zeltkörper denkt ?), die in ihrer formalen Durchführung des Körperthemas selbst zur Botschaft dieses Altarbildes beiträgt, und die im Auftreffen auf das biblische Wort und den Rokoko-Raum der Kirche aus eigenem Funken schlägt und so einen Bedeutungsüberschuß beim nachdenklichen Betrachter bzw. der feiernden Gemeinde hervorbringen kann. Die Körper als einzelne, als Gruppen von Leibern - ineinander geschoben, übereinander, hintereinander geschichtet mit ihren ineinander verschränkten Bewegungen, den deutlichen Armgesten, dem belebenden Herzsymbol evozieren metaphorisch das Fleisch der solidarisch geschaffenen Kreatur, des Volkes Israel (das ja zunächst gemeint ist), die Farbe der Inkarnation (in der Sicht der Kirchenväter), das Geheimnis des Leibes Christi (mit seiner Einheit von Gottes und Nächstenliebe), das corpus mysticum der Kirche...mit allen schon vollendeten Seligen und Heiligen.

In diesem Raum hier an der Westwand finden wir nun weitere Arbeiten, die sich auch mit dem Thema des Altarbildes beschäftigen; immer bezugnehmend auf jenen Ezechieltext, in dem Israel ein Heimkehren aus dem Exil zugesagt wird :
zunächst die Entwürfe für die beiden ausgeführten Altarbilder, durchaus in ihrer schon angesprochenen Unterschiedlichkeit zu erkennen;
daneben ein großformatiges Aquarell, das besonders auf den Ezechieltext aus dem Kapitel 36 anspielt (Ez 36, 26,; "Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch" (27)) - ein sehr schönes Schlüsselbild für Hedwigs Schaffen, in dem die Körperelemente, deren Bewegungs-möglichkeiten, vor allem auch die Focussierung auf das Herz als Bewegungszentrum hereinspielen; hier spielt auch das Rot als Farbe des Fleisches eine bes. Rolle...
Ganz links sodann 2 weitere aquarellierte Radierungen aus dem thematischen Umkreis;
die kleine Farbradierung daneben zu dem hier gezeigten ausge-führten Hochaltarbilder gibt es in einer Auflage zu 40 Stück und kann günstig erworben werden. Mich. Hedwig hat sie eigens für Vill geschaffen, um damit die Finanzierung des Hochaltarbildes zu ermöglichen;
anschließend sind an der rechten Seite drei Zeichnungen - Arbeiten in Graphit, Terpentin laviert, zu sehen aus der allerletzten Zeit. Die Farbe des Fleisches ist hier durch schwarz lavierte Flächen markiert.
Ferner hängen hier gegenüber an der Ostwand in loser Bezugnahme auf jene Leitthematik einige weitere Bilder aus den letzten 5 Jahren (3 davon Öl auf Leinwand, 1Bild Öl auf Rupfen), die darauf hinführen. Es handelt sich fast durchweg um die Körperthematik, die mit ihren charakteristischen Farben, Gebärden und Haltungen wie ein roter Faden Hedwigs Schaffen durchzieht. In der eigentümlichen Mechanik und Automatik ihrer Anordnung haben die Leiber etwas von einer einer Filmsequenz an sich - eine Bewegung zerdehnter, komprimierter, geronnener Zeit insinuierend - oder sie vermitteln die Idee einer Schrift aus den Pathosformeln der Körper gebildet; manchmal bilden sie dabei etwas Bergendes wie eine Behausung, einen Schonraum (man nehme als Beispiel das Bild Zeltkörper; Etagenkörper, Kette-Körper)

Weitere, besonders eindrucksvolle Arbeiten mit ähnlichen Körper-studien sind im Treppenabgang zum Untergeschoß zu sehen - ein Ölgemälde auf Rupfen und 4 größerformatige Aquarelle.
Im Untergeschoß links hängen sodann 3 farbige Radierungen (aus einer insgesamt 12 Arbeiten umfassenden Serie), wobei zur Radierung grundsätzlich zu sagen ist, daß sie als druckgrafische Technik (Farbe auf die Platte/Einritzen der Radierung) etwas von der inhaltlichen Tiefendimension dieser Bilder wiedergibt, nämlich das Übereinanderlegen, Überblenden von Ebenen in einer Einheit (cf.'Etagenkörper').
Schließlich wird in der Etage tiefer auch die 20-teilige Apokalypse in Grafit-und Buntstiftzeichnungen in 5 gehängten Bildbeispielen und in einer eigenen Mappe vollständig gezeigt. Diese Blätter waren M. Hedwigs Beitrag zum Kunstpreis der Innsbrucker Diözese 2000; er hat daran wie früher schon beim Herz-Jesu-Kunstpreis der Diözese zum Jubiläumsjahr 1996 und bei einer Kunstaktion des Arbeitskreises Kunstraum Kirche in St.Norbert 1993 mit großer öffentlicher Beachtung teilgenommen...

Alle diese Arbeiten haben ihre besondere Qualität für unsere Ausstellung darin, dass sie einerseits ganz autonom in sich stehen können als Kunstwerke, andererseits im Mehrzeiten-Kunst-und Gedächtniskontext Kirche (hier vertreten durch das Altarbild und polarisiert durch das Wort der Schrift) religiöse Zeichenqualität und theologische Bedeutungskonnotationen bekommen. Es ist jedenfalls bei M. Hedwig, ohne ihn fromm zu vereinnahmen, eine Affinität zur Sinnlichkeit des Katholischen in seiner Bildersprache erkennbar -
Eines kulturellen Katholischen - von dem M. Serres sagt, daß es eine schwierige Verbindung "... zwischen einem exklusiven wüstenartigen Monotheismus...und ... heidnischen Elementen..." bewahre. Dadurch sei es gezwungen, unermüdlich, oft unverstanden, an einer paradoxen "Verknotung des unendlich Fernen mit dem Nahen zu arbeiten:" bei M.Hedwig vermittelt durch den Körper, um auszudrücken "Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten" (zit.b.A.Stock, Poet.Dogmatik 3.Paderborn 1998, 11)

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