Montag, 25. September 2017 

TEXTE

 

« Zurück zur Übersicht


Philipp Maurer
Die Zelte der Mystik
Erläuterungen zur Druckgraphik Michael Hedwigs



Michael Hedwig entwickelt sein künstlerisches Thema, das Menschenbild, in der Druckgraphik konsequent weiter. Er präzisiert, bedingt durch die von den druckgraphischen Mitteln erforderte Konzentration, seine ästhetische Aussage; die Druckgraphik veranlaßt ihn, sein künstlerisches Wollen mit gröter Schärfe zur Aussage zu bringen.


I.

Michael Hedwig hat vor etwas mehr als zehn Jahren den ersten Impuls zum Drucken an der Akademie der bildenden Künste Wien von Wolfgang Buchta erhalten - und durch einen Zufall auch gleich eine Druckerpresse gekauft. Seither druckt er regelmäßig, tritt aber erst jetzt, nachdem er sich gemeinsam mit dem Drucker Klaus Wilfert im Atelier Topic-Matutin in Salzburg intensiv mit der Lithographie beschäftigt hat, mit seinem druckgraphischen Œuvre, Lithographien und Radierungen, an die Öffentlichkeit. Schon bisher hat Hedwig Druckgraphik in seine Malerei integriert, nämlich als "Gerüst" für Aquarelle, indem er Schwarz-Weiß-Drucke von meist nur einer Platte malerisch überarbeitete. Dadurch verstärkte er die auch seine Ölbilder kennzeichnende Wiederholung der Gesten, der Figurenkonstellationen; durch die Überarbeitung aber gewinnt jede Geste, jede Figur einen neuen Charakter. Druckgraphik fungierte daher schon bisher im Werk Hedwigs als Nukleus vielfältigen Ausdrucks.

Die Lithographie kommt Hedwigs zeichnerischem Interesse weitgehend entgegen. Seine neuen, in Salzburg geschaffenen Lithographien sind konsequente Fortführungen seiner Zeichnungen, die er seit mehr als zehn Jahren in weich abschattiertem Schwarz-Weiß, in unterschiedlicher Strichstruktur und Flächengestaltung herstellt. Die Arbeit auf dem Stein, der Einsatz von Stift, Pinsel, Kreide, liefern weite Möglichkeiten des Ausdrucks, das Übereinanderdrucken der Farben von vier bis sechs Steinen erzeugt die von Aquarellen oder Ölmalereien so abweichende Farbigkeit. Hedwigs Lithographien sind strenger, konzentrierter, disziplinierter, herber, im Ausdruck gewissermaßen brutaler als seine Malereien.

An der Radierung fasziniert Michael Hedwig zuerst das Material selbst und die Arbeit mit dem Material: das Brechen der Facetten, das Polieren der Platten vermitteln die romantische Aura alten Handwerks, sie erzwingen eine Phase der Besinnung, die Befreiung des Geistes durch konzentrierte Handarbeit. Das Ergebnis geistiger Freiheit ist die Realisation des künstlerischen Gedankens aus dem Material und seinen Eigenschaften selbst, eine Verdichtung im dialektischen Prozeß, die nur dann gelingt, wenn Wesentliches gesucht und erarbeitet wird: ein intellektueller Vorgang, und gleichzeitig ein meditativer, der mystischen Verzückung, der schamanistischen Versenkung im Rausch vergleichbar - der Weite des künstlerischen Schaffensprozesses angemessen.


II.

Die Körperbilder Michael Hedwigs wirken auf den ersten Blick statisch, auf den zweiten jedoch eröffnen sich zahlreiche und vielfältige Bewegungen. Schon auf den Malereien wiederholt Hedwig Körperhaltungen, Gesten, die den Eindruck der Arbeit mit einer Schablone erwecken. Die "Etagenkörper", in bildnerischer Gestaltung und Benennung paradigmatisch für diese Ambiguität, unausgeschöpft in nur einer Technik, machte Hedwig auch zum Thema einer Radierung. In zwei Reihen, Etagen übereinander, stehen Körper, gesichtslos, geschlechtslos, in Gemeinsamkeit durch Gestus und Berührung, eingeschlossen in einem Farbfeld, das durch die Aquatinta den Charakter eines Gitters oder Netzes bekommt: die Menschen stehen beisammen, scheinen aber nicht zu agieren. Die Radierung von drei Platten zeigt die Figuren in ihrem Miteinander in ihren Räumen. Ruhig, kontemplativ stehen sie da, suggerieren, daß da Aktion, Energie, Miteinander sein müssen, halten inne in einer Bewegung, deren Charakter und Ziel uns nicht einsichtig sind. Sie stehen übereinander, ineinander verwoben, widersprechen dem physikalischen Prinzip, daß an einem Ort zu einer Zeit nur ein Körper sein kann und verweisen darauf, daß mit diesen Körpern anderes als die biologische Körperlichkeit gemeint ist. Damit ist der Weg frei zum Gedanken, die spirituelle Energie im Menschen und im Universum, das Strömen von Kräften, Gedanken, Empfindungen, die Gemeinsamkeit von überzeugungen, von Ideologien und Lebenshaltungen, den gemeinsamen Kult in der Religiosität - das mystische Erleben der Gemeinsamkeit - als zentrales Thema der Kunst Michael Hedwigs zu erkennen. Dieses übereinander der Figuren, ihre Verschmelzung ergibt sich in der Druckgraphik aus dem Material selbst, bei dem die einzelnen Drucke tatsächlich übereinander gesetzt sind, haptisch erfahrbar und als Facetten (bei der Radierung) wahrnehmbar.

Den Charakter, in einer Bewegung innegehalten zu haben, vermitteln auch die Figuren auf den aktuellen "Zelte"-Bildern. Das Thema Zelte dachte Hedwig weiter aus den Farbfeldern und -flächen sowie den kleinräumigen Unterteilungen in den Malereien und Radierungen: schon bisher standen die Menschen auf den Bildern Hedwigs in ihren Räumen, in Schachteln, Boxen, Kästen, die nun zum Zelt werden. Hedwig eröffnet mit den großen Zeltgebilden Konnotationen, begibt sich in ein weites Wortfeld: das Zelt als Biwak, als Notlager nach Katastrophen, als Wohnort der Nomaden, als Urlaubsvergnügen, als Zirkuszelt, als Fest- und Bierzelt; auch die Assoziation an das Himmelszelt legt Hedwig nahe, als den die Welt umfassenden Ort der Meditation und Religiosität, als Handlungsort mystischer Versenkung und Verzückung in den Riten islamischer Sufis und Derwische, als Ort der geschützten Gemeinsamkeit mit der Natur. Hedwigs Zelte sind Orte dionysischer Vergnügungen, Orte der Party und des Sex, der Orgie, und ebenso Orte eines geistigen Kollektivs, das sich mystischer Gemeinschaft und Verzückung hingibt: Hedwig stellt die Ganzheit des festlichen Erlebens wieder her, die in unserer heutigen Kultur ersehnt und denunziert wird.

Die gesichtslosen Figuren in enger Interaktion laden durch die zeichnerische Qualität, die den Eindruck mimetischer Wiedergabe der Welt erweckt, zu naturalistischer Lesart ein. Dies wird auch durch die Komposition unterst¸tzt, die in stark betonten Diagonalen Räumlichkeit herstellt - im Gegensatz zu vielen Malereien Hedwigs, die sich ganz auf die Fläche beschränken. Bei näherem Hinsehen aber erkennt man, daß die Gliedmaßen nicht eindeutig den Körpern zuzuordnen sind, daß etlichen Körpern Gliedmaßen fehlen, anderen Gliedmaßen die Körper. Gerade die Radierung erweckt die Schatten der Glieder: die Abstufungen der unterschiedlich tief geätzten Aquatinta erzeugen verschiedene Grautöne, eine zweite und dritte Farbplatte, ebenfalls unterschiedlich tief geätzt, liefern unterschiedliche Farbwerte. Ein eindringliches Beispiel dafür sind eine Hand und ihr Schatten in einem Zelte-Körper-Bild. Energetische Massen durchdringen einander, liegen übereinander, beeinflussen einander, tauschen sich aus.


III.

Die verschlungenen Körper in Hedwigs Radierungen erinnern an die berühmte Laokoon-Plastik, die Lessing zum Ausgangspunkt seiner Betrachtung über die Möglichkeiten der bildenden Kunst und der Literatur gemacht hat. Die Lesbarkeit der Laokoon-Figur ist für uns gegeben, weil wir die Geschichte kennen, ihren Anfang und Fortgang und ihr Ende. Dieses Wissen haben wir auch von vielen anderen Geschichten und Handlungen, so zum Beispiel haben wir kein Problem, Bruegels Bild "Heimkehr der Jäger" zu lesen: die Handlung, das Ziel des Marsches der Jäger, ihre Vergangenheit und Zukunft sind uns bekannt, so daß wir die Zeichen im Bild eindeutig zuordnen können. Bei Hedwigs Szenen ist dies, den Traditionen der Kunst des 20. Jahrhunderts entsprechend, anders: unsere Assoziationen können nur individuelle Annäherungen sein.

Wenn wir allerdings die Zugehörigkeit oder Nicht-Zugehörigkeit der Gliedmaßen in Hedwigs Radierungen zu einzelnen Körpern bedenken, wenn wir einzelne Hände oder Beine als die Schlangen des Poseidon, die sich um Laokoon und seine Söhne winden, lesen wollen, erkennen wir, daß es hier nicht um eine mimetische Wiedergabe der Welt, auch nicht um einen Augenblick in einer Geschichte geht, sondern um das, was jeder Künstler in der gestaltenden Konzentration der Geschichte auf den Augenblick leistet und was vom Betrachter entschlüsselt wird: um Geistiges, um die Darstellung von Körpern als Idee, als Ausdruck der Seele. Michael Hedwigs Radierungen zeigen uns die Verschlingungen in eine Situation, in einen Lebenszusammenhang. Vielleicht muß das gelesen werden als Gefangensein in einem Netz, als Zwang, unter demselben Dach, in derselben Welt zu leben. Aber durch die Leichtigkeit der Zeichnung, durch die immer wieder durchscheinende Heiterkeit und Festesfreude, durch die erotische Grundstimmung der Bilder, legt Michael Hedwig den Gedanken nahe, in der Zelt-Situation geborgen zu sein, das Leben nicht "ohne Netz" und einsam leben zu müssen, unter demselben Dach geschützt zu sein. Dionysische Lebensfreude überwindet und verdrängt Angst und Unsicherheit, ermöglicht den Menschen, die "In den Alpen"noch ausgeliefert in der Natur stehen, in den Zelten Geborgenheit, Sicherheit und geistig-mystische Gemeinsamkeit zu finden.



 © 2017 Michael Hedwig Sitemap | Impressum