Montag, 25. September 2017 

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Ausstellungseröffnung, Michael Hedwig, Seele:Projekt, Hofburg, Innsbruck, 29.3.2007

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde und Bekannte!

Es ist mir eine ganz besondere Freude, Ihnen einen Künstler präsentieren zu dürfen, mit dem ich mich schon seit über 10 Jahren freundschaftlich verbunden weiß: Michael Hedwig. Michael Hedwig, der in Wien lebende Osttiroler, war mit seinen Werken in den letzten 10 Jahren mehrfach in Innsbruck präsent. Ich erinnere an die große Ausstellung "Zelt-Körper" im Congresshaus 2000, an die Präsentation des österlichen Hochaltarbildes für die Viller Kirche und die damit verbundene Ausstellung im Grillhof im Jahre 2002, im selben Jahr die Gemeinschaftsausstellung mit dem Bildhauer Lois Anvidalfarei hier in den Räumen der Hofburg, sowie Beteiligungen im Museum Ferdinandeum und bei den Diözesanen Kunstpreisen 1996 und 1999/2000. Die lange Ausstellungsliste weist weit über die Grenzen Österreichs hinaus. Viele Werke befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen, aber auch im öffentlichen und wie schon erwähnt, im kirchlichen Raum.

In der aktuellen Ausstellung in der Hofburg gibt der Künstler Einblick in das breite Spektrum seines Oeuvres und zeigt neben Leinwänden Aquarelle, Zeichnungen, Radierungen und Lithographien von 2002 bis heute. Sie belegen, in welch vielfältiger Weise sich der Künstler mit einem Thema auseinandersetzt und in den verschiedensten Techniken entfaltet.

Die Diapräsentation hier im Foyer, die nur heute Abend gezeigt werden kann, lässt Sie teilhaben am Entstehungsprozess und der aufwendigen Montage seines bisher größten Auftrags, nämlich der Gestaltung der U-Bahnstation Stubentor der Linie U 3 in Wien, ein Werk, das von den ersten Entwürfen an bis zur Installierung ca. 3 Jahre in Anspruch genommen hat. Arbeiten im Zusammenhang mit diesem großen Projekt werden im anschließenden Raum gezeigt.

Programmatische Bilder wie "Körper", "Etagenkörper" oder "Bergwandern" stimmen wie die Diashow den Besucher der Ausstellung auf die nachfolgenden Räume ein, die jeweils einem eigenen Thema gewidmet sind, wobei auch diese inhaltlich in Beziehung zueinander stehen.

Unabhängig von gängigen Trends hat sich Michael Hedwig seit seiner Studienzeit an der Akademie der bildenden Künste in Wien, die er mit dem Meisterschulpreis und 1980 mit dem Diplom zum Magister artium abgeschlossen hat, intensiv mit der Darstellung der menschlichen Figur befasst. Körper, vor allem in der Gruppe, aber auch der Körper in seinen Facetten und verschiedenen Realisationsformen und Zustandsweisen sind bis heute das fast ausschließliche Thema seines künstlerischen Schaffens. Diese Körper sind fast immer nackt, doch kann man nicht unbedingt von Aktfiguren sprechen; dazu sind sie zu wenig individualisiert, aber auch nicht idealisiert, sondern meist gesichts- und geschlechtslos. Die Figuren bewegen sich häufig in geordneten Bahnen, was unwillkürlich an antike Friese, auch an kultische Handlungen, an eine Choreographie denken lässt. Wie im Tanz bewegen sich die Figuren und Gruppen, ihre Arme berühren sich, ihre Gesten greifen ineinander, umarmen sich, ohne unbedingt in Dialog miteinander zu stehen. Der Künstler hat sich schon vor Jahren intensiv mit dem Tanz, insbesondere mit dem berühmten russischen Tänzer Nijinski beschäftigt und in einem größeren Werkkomplex auseinandergesetzt.
Die Figuren agieren in Hedwigs Bildern auf vorderster Raumbühne. Sie werden dadurch so nahe an den Betrachter herangerückt, dass dieser förmlich Teil der Bildkomposition wird und sich der Präsenz dieser Figurengruppen kaum entziehen kann. Häufig werden diese auf verschiedenen Bildebenen übereinander angeordnet. Hedwig hat für diese Arbeiten den Titel Etagenkörper geprägt. Ein Beispiel aus jenem großen Werkkomplex ist hier im ersten Raum zu sehen. Im Gegensatz zu diesem strengen Kompositionsgefüge und Ordnungsprinzip steht die Flüssigkeit der Pinselschrift und der großzügige Malgestus.

Reduziert wie seine bildlichen Motive ist auch seine Farbskala, die fast ausschließlich Rot- und Brauntöne in allen Intensitäten umfasst und von zartem Lachsrosa über das für den Künstler so charakteristische Krapprot (wir nennen es pink) bis zu Purpur reichen kann. In starkem Kontrast dazu wird Schwarz eingesetzt. Nur sparsam kommt da und dort blau, grün oder gelb ins Spiel.

Michael Hedwig ist nicht nur Vollblutmaler, sondern auch begnadeter Graphiker, der zu einschlägigen internationalen Ausstellungen eingeladen wird, von der Türkei bis nach Madrid. Schon während seines Studiums der Malerei in der Meisterklasse von Anton Lehmden an der Akademie der bildenden Künste hat er sich intensiv mit Druckgraphik befasst. Seit 1985 unterrichtet er dort selbst das Fach Tiefdruck d. h. Radierung, zuerst als Assistent in der Meisterklasse von Gunter Damisch und seit einigen Jahren als Professor.
Seit mehr als 10 Jahren widmet sich Hedwig verstärkt dem Steindruck, der Lithographie. Dieses zeitintensive Verfahren setzt besonders im Mehrfarbendruck äußerste technische Präzision und großes fachliches Können voraus. So benötigt etwa ein 3-Farbendruck für 30 Abzüge inkl. der Probedrucke ca. 120 Druckvorgänge! Lithographien und Radierungen begleiten in dieser Ausstellung alle Themenbereiche und werden noch zusätzlich in einem Druckgraphikkabinett präsentiert.
Die eigenständige Zeichnung nimmt in Hedwigs Arbeiten ebenfalls einen hohen Stellenwert ein. Das zeichnerische Element kommt in all seinen Arbeiten stark zur Geltung, nicht nur als Vorarbeit zur Malerei oder für drucktechnische Umsetzungen sondern ebenso in seinen Gemälden, die häufig markante graphische Elemente aufweisen. Das heißt aber nicht, dass die Gemälde unbedingt vorher als Zeichnung auf der Leinwand angelegt werden, das kann vorkommen, die Themen werden auch direkt auf der Leinwand entwickelt, anderen wiederum gehen umfangreiche Vorarbeiten voraus, andere bleiben oft für Wochen oder Monate nur als Ideenskizze angelegt.

Auffallend sind die Titel seiner Bilder bzw. die Leitmotive seiner Ausstellungen wie etwa: "Körper", "Leiterkörper", "Überkörper", "Freikörper", "Zeltkörper". Beispiele dafür sind in diesem Raum zu sehen. In den letzten Jahren ist eine verstärkte Hinwendung zum Spirituellen, Geistigen, Religiösen, manchmal auch Esoterischen zu bemerken. Darauf verweisen Ausstellungs- und Werktitel wie "Bewegungen der Seele", "transpersonal" oder "Lazarus", aber auch "In den Alpen" oder "Bergwandern", (ebenfalls im 1. Raum) wobei der Aufstieg auf den Berg für den Künstler als Aufstieg der Seele verstanden wird. Beseelung, Auferweckung, Vergeistigung sind auch die Inhalte der vielfältigen Arbeiten, die im Umkreis des Viller Altarbildes und des Lazarus-Themas entstanden sind, denen jeweils ein eigener Raum gewidmet ist.
Dieses Viller Altarbild, von dem das hier ausgestellte eine Variante darstellt,
ist nur in der Zeit von Ostern bis Pfingsten in der Pfarrkirche in Vill zu sehen. Es ist, um in eigener Sache zu sprechen, auf Anregung und Initiative des Arbeitskreises Kunstraum Kirche, dem auch der Pfarrer von Igs/Vill, Magnus Roth angehört, in Auftrag gegeben und von der Pfarrgemeinde finanziert worden. Es thematisiert die Vision des Propheten Ezechiel von der Auferweckung der Toten, und zwar mit Leib und Seele. Der Prophet sieht vor seinem inneren Auge, wie sich auf den Befehl Gottes hin die Gebeine der Toten wieder mit Sehnen und Fleisch und Haut überziehen. Aber erst, als ihnen Gottes Geist eingehaucht wird, stehen sie auf und werden lebendig (vgl. Ez, 37, 1-14). Die Dynamik, Lebendigkeit, Bewegtheit der Körper ist Ausdruck ihrer Beseeltheit.
Für sein großes Werk "Bewegungen der Seele", in dem auf besonders eindrucksvolle Weise der Mensch in seiner Ganzheit, mit Körper und Geist, mit Leib und Seele, zum Ausdruck kommt, stellt das Viller Altarbild für den Künstler sozusagen den Prototyp dar.
In einer anderen eher profanen Deutungsperspektive von Hedwigs Körperbildern geht es, um Prof. Philipp Maurer, den Projektmanager des Stubentorprojektes zu zitieren, "nicht um das naturalistisch wiedergegebene Nebeneinander von Menschen, nicht ihre rein materielle Anwesenheit", sondern um "die gegenseitige geistige und psychische Beeinflussung der Menschen", die "geistigen Kräfte in uns und die Aura, die uns umgibt und auf die Aura anderer Menschen trifft"( Philipp Maurer, Michael Hedwig, transpersonal, 2006).

Zusammenfassend kann man sagen: Es geht in Hedwigs Bildern um den Menschen, seinen Körper, seine Leiblichkeit und Geistigkeit. Stilistisches Moment ist die Wiederholung, das Serielle, die Bewegung, die jäh angehalten wird, wie in einer Momentaufnahme oder wie in einem Filmstill. Es geht um Visualisierung von Zeit.
Auf seinen Bildern wird dargestellt, aber nicht repräsentiert, es wird etwas erzählt, aber doch keine Geschichte mitgeteilt. Deshalb sollte man als Rezeptor immer vorsichtig sein gegenüber allzu vollmundigen Tiefendeutungen eines künstlerischen Oeuvres. Hedwigs Arbeiten sind im allgemeinen dafür zu zurückhaltend, zu vorsichtig. Sein Herangehen an biblische Themen ist nicht von einem spezifisch religiösen Stil bestimmt, vielmehr ist es die konsequente innere Form seines Arbeitens, die sich dem biblischen Wort öffnet bzw. den sakralen Raum- und Ausstattungskontext einer Kirche konstruktiv herausfordert oder der Passagensituation einer U-Bahn-Station entspricht und so einen Bedeutungsüberschuss beim nachdenklichen Betrachter hervorbringen kann. Seine Hauptthemen, Körper und Bewegung, bilden dafür vielfältige Anknüpfungspunkte, denn der Körper ist heute so etwas wie die Projektionsfolie für menschliche Sehnsüchte schlechthin, von der Wellnesswelle bis hin zu Gender-Konzepten und spirituellen Hoffnungsbildern: Hedwigs Bilder werfen so vor allem Fragen auf, die nicht ohne den Resonanzraum des Betrachters zu beantworten sind.

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Abend mit interessanten Begegnungen und Gesprächen, zu denen auch der Künstler sehr gerne bereit ist.

Dr. Elisabeth Larcher

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